Dennis Seifert

Vor einem halben Jahr folgte Martin Pier als Kreis-Schiedsrichter-Obmann auf Karl-Heinz Schulze. Seitdem gelang es dem Kreis, 15 neue Schiedsrichter auszubilden. Es tut sich etwas im Fußballkreis Lüdinghausen. Einer der neuen Referees ist Dennis Seifert. Der Spieler des Werner SC kickt nicht nur sonntags in der Bezirksliga, sondern pfeift zusätzlich auch noch Jugendspiele für seinen Klub. Für den Verein ein Glücksfall. Die Klubs im Kreis können nach wie vor jeden Schiedsrichter gut gebrauchen.

Sonntagabends stand Dennis Seifert bei den Hallenfußball-Stadtmeisterschaften für den Werner SC als Spieler auf dem Feld. Während seine Kollegen am Montagmorgen ausschlafen oder schon bei der Arbeit sind, ist der 20-Jährige wieder in der Linderthalle. Er trägt diesmal ein gelbes Trikot und hat eine Pfeife im Mund. Er leitet B-Junioren-Spiele. Um 9.30 Uhr. Dennis Seifert führt ein fußballerisches Doppelleben. Dienstags, donnerstags, freitags und sonntags trainiert und spielt er beim Bezirksligisten Werner SC, an den übrigen Tagen ist er Schiedsrichter für den Klub. Beruflich durchläuft er eine Ausbildung zum Metallbauer.

Im vergangenen Oktober hat er seine Schiedsrichterprüfung erfolgreich abgelegt. Jetzt ist er mindestens fünf Tage in der Woche für den Fußball unterwegs. Trainieren, spielen, pfeifen. Seifert sagt: „Ich wollte eigentlich immer schon pfeifen. Die Frage war nur, mach ich’s erst nach dem Fußball oder parallel?“ Nun also parallel. Damit beides funktioniert, hat er sich den Dienstag, Donnerstag und Sonntag als Sperrtage fürs Pfeifen eintragen lassen. Kollisionsgefahr mit dem Fußballspielen besteht bis auf freitags nicht. Seifert ist einer von 15 neuen Schiedsrichtern im Kreis Lüdinghausen. Das ist eine gute Zahl. Und sie ist bitter nötig.

Rückblick. 1. Juli 2013. Martin Pier übernimmt das Amt des Kreis-Schiedsrichter-Obmanns von Karl-Heinz Schulze. „Damals hatten wir 70 Schiedsrichter im Kreis, jetzt sind es 85. Mit der Entwicklung können wir zufrieden sein. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel“, erklärt Pier. Das Ziel seien 110 Referees, „damit wir jedes Spiel besetzen können“. Das klappe zwar im Moment auch, allerdings nur, weil einige Schiedsrichter mehr als ein Spiel pro Woche pfeifen würden.

Das Problem der fehlenden Unparteiischen ist kein neues. Allein von Januar 2012 bis zum gleichen Monat 2013 sank die Zahl der Schiedsrichter im Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) um 3,6 Prozent von 5.183 auf 4.997. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wirbt um Nachwuchs. „Zeige deine wahren Stärken. Werde Schiedsrichter“, heißt es in der Kampagne des Dachverbandes. Dazu wirbt der DFB mit Privilegien für Schiedsrichter. Die Unparteiischen erhalten kostenlose Kartenkontingente in der Bundesliga, der zweiten Liga sowie für Spiele des DFB. Dazu kommen Aufwandsentschädigungen und Reisepauschalen pro gepfiffenem Spiel. Rund 20 Euro je Spiel im unteren Amateurbereich plus Kilometergeld.

Für Dennis Seifert ist das nebensächlich. Ihn reizt das Pfeifen an sich. „Mich hat einfach interessiert, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite zu stehen“, erklärt er. „Es ist schon spannend, eine gewisse Macht über das Spiel zu haben, auch wenn man natürlich neutral ist.“ Er glaubt, dass insgesamt noch mehr für die Schiedsrichter-Ausbildung geworben werden müsste. „Es müssen die schönen Seiten in den Vordergrund gerückt werden. Schiedsrichter zu sein, kann Spaß machen.“

Während der Stadtmeisterschaften ist ein Vater eines Kindes mit Seiferts Pfiff nicht einverstanden. Er brüllt durch die Halle: „Was pfeifst du da für einen Müll, Schiri?“ Seifert bleibt ganz ruhig. Dreht sich gar nicht um. Dafür schreitet Horst Voigt ein, der Jugendleiter von Eintracht Werne: „Sei ruhig dahinten. Du darfst nur meckern, wenn du dir selbst eine Pfeife kaufst und selbst den Schiedsrichter-Schein machst.“ Der Zuschauer verstummt. Hört sich überhaupt nicht nach Spaß an, aber Seifert sagt: „Dumme Sprüche gibt’s immer. Da muss man einfach drüber stehen. Mich stört es nicht.“ Mehr Sorgen als dumme Sprüche bereiten ihm körperlich Übergriffe auf Schiedsrichter. „Da hört es auf. Wenn man das in der Zeitung liest und sich fragt, ob man Angst vor dem Pfeifen haben muss, ist die Grenze absolut überschritten.“

Martin Pier darf sich glücklich schätzen, dass er sich über Übergriffe auf Schiedsrichter im Kreis Lüdinghausen keine Gedanken machen muss. „Bei uns ist das zum Glück alles nicht so schlimm“, sagt er. Überhaupt sieht Pier eine gute Entwicklung im Kreis: „Wir haben kaum Spielrückgaben von Schiedsrichtern.“

Große Hoffnung setzt er in die Schiedsrichterinnen. Erstmalig pfeifen fünf Frauen im Kreis. „Da liegt ein großes Potenzial“, sagt Pier, „weil wir ja quasi bei null anfangen.“ Dazu will er den Nachwuchs besonders fördern. Und – noch wichtiger – ihn auch langfristig halten. Die Fluktuation ist hoch. Entweder die Schiedsrichter sind sehr jung oder sehr alt. Bei den 30- und 40-Jährigen herrscht Engpass.

„Wir haben viele Verluste ab dem 25. Lebensjahr und dann wieder einen Anstieg bei den Leuten über 50“, erklärt Pier. Aber es passiert was im Kreis: Pier hat ein Perspektiv-Team ins Leben gerufen, damit sich das ändert. Junge und talentierte Schiedsrichter sollen schneller aufsteigen können und höher pfeifen dürfen. Das soll die Motivation hochhalten. „Ich will irgendwann mal einen Bundesliga-Schiedsrichter aus dem Kreis haben“, sagt Pier, der selbst bis zur Oberliga pfeifen darf.

Dieses Ziel verfolgt Seifert nicht. Er strebt keine Karriere als Referee an. Der Spieler Dennis Seifert genießt höhere Priorität als der Schiedsrichter. „Ich will nicht besonders hoch pfeifen. Fußball steht an erster Stelle. Aber durch meinen Schiri-Schein habe ich etwas, was ich viel länger machen kann, als selber zu spielen.“ Damit der Schiedsrichter-Ausweis seine Gültigkeit behält, muss er 20 Spiele pro Jahr pfeifen. „Das schaffe ich locker“, sagt Seifert.

Stadtmeisterschaften. Nach dem B-Junioren-Turnier setzt sich Seifert zu seinen Freunden auf die Tribüne. Während die A-Junioren kicken, wird plötzlich sein Name aufgerufen. Der Veranstalter fragt ihn, ob er auch diesen Jahrgang pfeifen will. Seifert nickt. Für ihn ist das selbstverständlich. Eine Chance, sich zu beweisen. Im Herbst hat er noch die Schiedsrichter-Schulbank gedrückt. Zwei Monate lang. Jeden Dienstagabend für 90 Minuten. Jetzt pfeift er zum ersten Mal vor größerem Publikum. „Das ist etwas ganz Neues für mich. Eine ganz andere Sicht. Aber eigentlich auch ganz cool“, sagt Seifert.

Damit mehr Leute den Schritt in die Schiedsrichterausbildung wagen, nimmt der Verband die Vereine in die Pflicht. In der Regel tragen die Vereine die Kosten für die Schiedsrichter-Ausbildung und bezahlen die Ausrüstung. Je Mannschaft im A-Junioren-, B-Junioren-, Damen- und Herrenbereich müssen die Klubs einen Unparteiischen stellen. Schiedsrichter-Soll nennt sich das. Jeder Unparteiische zu wenig kostet 250 Euro pro Saison. Für jeden über dem Soll gibt’s einen Bonus von 50 Euro. Vereine, die unter die 60-Prozent-Marke rutschen, dürfen keine Turniere ausrichten. „Im Extremfall droht sogar eine Aufstiegssperre. So weit ist es aber zum Glück noch nie gekommen“, berichtet Martin Pier.

Zum Abschluss des Turniers werden alle A-Jugend-Teams auf das Feld gerufen. Alle erhalten eine Urkunde und den Applaus der Zuschauer. Der Sieger zudem einen Pokal. Schiedsrichter Dennis Seifert sitzt da längst wieder auf der Tribüne. Dabei müsste er auf dem Feld stehen und den Applaus erhalten. Er hat sich den ganzen Tag zur Verfügung gestellt. Im Sinne des Sports.