Marvin Pourie

Der 23-jährige Profi des dänischen Klubs FC Kopenhagen weist seit Dienstagabend zwei Champions-League-Spiele vor. Thomas Schulzke, Sportredakteur der Ruhr Nachrichten, war zwei Tage in Kopenhagen. Er traf Marvin Pourie direkt nach dem Spiel gegen Real Madrid im Kopenhagener Stadion und am kommenden Tag in seiner Wohnung. Der Werner Junge zeigte sich offen und machte einen weiblichen Teenie überglücklich.

Marvin Pourie drückt die kleine Robin vor der Kabine des Kopenhagener Parken-Stadions. Er hält das Mädchen fest. Umarmt den Teenie. Dabei muss sie gar nicht getröstet werden, sie weint am Dienstagabend vor Freude. Der Werner Fußball-Profi des FC Kopenhagen genießt einfach mit ihr zusammen einen besonderen Moment.

Sie wiederholt dreimal das Wort Danke. Dabei schaut sie immer wieder auf ihr Handy. Sie sieht auf ihrem Display Cristiano Ronaldo. Den aktuell weltbesten Fußballspieler. Und im Arm hält er ein dunkelhaariges Mädchen. Die kleine Robin eben. „Robin ist die Tochter eines guten Freundes. Sie ist für mich wie eine kleine Schwester. Da war es doch klar, dass ich Ronaldo für sie anspreche und frage, ob er ein Foto mit ihr machen würde“, sagt der 22-jährige Pourie.

Eine Stunde zuvor standen sich der Werner Fußball-Profi in Diensten des FC Kopenhagen und CR7, so lautet der Marketing-Name des teuersten Spielers der Welt, in der Champions League gegenüber. Auf dem Rasen. Vor 37.241 Zuschauern. Das große Real hat 2:0 gewonnen. Torschützen: Luka Modric (25.) und natürlich Ronaldo (48.). „Er ist der Beste. Er muss Weltfußballer des Jahres werden. Nicht Ribery. Nicht Messi“, schwärmt Pourie. In der 77. Minute hatte Trainer Stale Solbakken Pourie am Dienstag eingewechselt. Die Kopenhagen-Fans feierten ihn lautstark. Lauter als jeden anderen Akteur des Klubs an diesem Tag. „Die Fans lieben mich. So etwas habe ich in meiner Karriere noch nicht erlebt.“

Der Spieler, der beim SSV Werne mit dem Fußballspielen begonnen hat, nimmt in der Champions League zwar vorerst eine Nebenrolle ein, gehört trotzdem seit dieser Spielzeit zum elitären Kreis der Königsklassen-Akteure. Der erste Werner überhaupt, der das geschafft hat. Er wurde nicht nur gegen Real Madrid, auch gegen Juventus Turin eingewechselt. „Ronaldo, Bale, Pirlo, gegen alle habe ich jetzt gespielt. Darauf habe ich mein Leben lang hingearbeitet“, sagt Pourie am späten Dienstagabend. Ein Trikot eines Weltstars hat er sich nicht als Souvenir geangelt, das sei nicht sein Ding. „Mir ist die Erinnerung viel wichtiger.“ Längst sind alle Sitzplätze in der Arena leer. Gegen 0.30 Uhr sitzen in der Stadion-Lounge nur noch die Kopenhagener Spieler und ihre Freunde.

Am Mittwochmorgen stehen alle Akteure auf dem Trainingsplatz. Pourie kommt um 12 Uhr wieder nach Hause. Auf ihn warten seine Eltern, die Oma und der Opa. Pourie macht sich Fleischklößchen warm, setzt sich an den Tisch vor dem großen Flachbild-Fernseher, isst und erzählt dabei von seiner Anfangszeit beim FC Kopenhagen.

Nach seinem Wechsel im Sommer 2013 von Silkeborg IF nach Kopenhagen sei alles viel zu schnell gegangen. Kurz vor Saisonbeginn kam er beim dänischen Meister an. Im ersten Spiel wurde er eingewechselt, im zweiten stand er in der Anfangself. „Und ich war gar nicht richtig fit. Ich hätte niemals spielen dürfen“, sagt er. Er fand nicht zu seiner Bestform. Der FC Kopenhagen stand plötzlich auf dem letzten Tabellenrang. Trainer Ariël Jacobs musste gehen, Stale Solbakken wurde verpflichtet. Der neue Coach krempelte das Team um und Pourie spielte plötzlich keine große Rolle mehr.

Sechs Spieltage der dänischen Superligaen saß er am Stück auf der Tribüne. In den ersten vier Champions-League-Partien gehörte er ebenfalls nicht zum Kader. „Das war eine schwere Phase für mich. Ich wollte spielen, durfte aber nicht.“ Doch er bewies Geduld. Er habe immer gewusst, welches Potenzial in ihm schlummere. „Ich habe im Training alles rausgehauen, mich immer angeboten.“

Fünfmal spielte er für die Reserve des Klubs, erzielte acht Tore. Solbakken kam nicht mehr an ihm vorbei, berief ihn in den Kader. Pouries Ausdauer hatte sich ausgezahlt. „Ich habe mich weiterentwickelt. Früher wäre ich frustriert gewesen, hätte verkrampft und wäre nicht mehr locker gewesen.“ Er sei noch erwachsener geworden, sagt sein Vater Rüdiger. Er habe seinen Blickwinkel neu justiert. Auch engagiere Marvin Pourie sich jetzt für caritative Zwecke. Er unterstütze ein Projekt in Sierra Leone, zusätzlich versorge er Kinderheime mit Kleidung. „Als Fußball-Profi darfst du nicht nur nehmen, du musst auch geben. So wurde ich erzogen“, sagt der Blondschopf mit den Strubbel-Haaren.

Marvin Pourie

Sein Vater nickt. Der sitzt neben ihm am Tisch der Erdgeschosswohnung. Zwei rote Sofas stehen im Wohnzimmer. An der Wand hängt ein Bild von Che Guevara. Das Schlafzimmer ist durch eine Holztür mit Glaseinsätzen zu sehen. Es ist keine typische Vater-Sohn-Beziehung. Wenn sich die Pouries am Tisch unterhalten, wirken sie wie gute Freunde. Sie necken sich. Lachen aber immer dabei. Sein Papa ist zugleich sein Berater. „Wir haben wirklich viel in Marvin investiert. Zeit und Geld. Vor allem Zeit“, sagt Rüdiger Pourie. Tausende Kilometer sei er gefahren, um seinen Sohn zum Training und zu den Spielen seiner Vereine zu fahren. Sein Sohn habe in seiner Jugend gelebt wie ein Mönch, habe sich komplett dem Fußball geopfert. Auch heute ordnet er seinem Job alles unter. „Seit ich in Kopenhagen bin, war ich nicht einmal feiern.“ In seiner Freizeit gehe er in Restaurants, spiele Playstation oder treffe sich mit Teamkollegen oder Freunden auf einen Wein.

An seinem neunten Geburtstag hatte Marvin Pourie zu seinem Vater gesagt, dass er Fußball-Profi werden würde. Sein Vater nahm ihn beim Wort. Zog ihm sofort einen Trainingsanzug an und ging mit ihm in den Wald laufen. „Er fragte mich erstaunt, warum er ausgerechnet an seinem Geburtstag laufen müsse. Ich sagte ihm, dass er lernen müsse zu verzichten, wenn er Profi werden will“, erinnert sich der Vater ganz genau. Marvin Pourie ließ sich nicht abschrecken, hatte immer nur das Ziel Fußballprofi vor Augen. Er musste dafür auf das Leben eines normalen Jugendlichen verzichten. Während seine Freunde ins Kino oder in die Disko gingen, lag er im Bett. Mit 15 wechselte er von Borussia Dortmund nach Liverpool. „Eine ganz wichtige Zeit für mich. Da habe ich gelernt, auf mich alleine gestellt zu sein.“

Seine Mutter und seine Oma stehen in der Küche, räumen auf. Sie wollen sich bald auf den Weg zurück nach Werne machen. Mit dem Auto. Eine Sieben-Stunden-Tour wartet. Marvin Pouries Familie ist oft zu Gast. „Das ist wichtig. Meine Familie gibt mir Halt.“ Und sie wird noch oft nach Kopenhagen kommen. In der Zeit, in der es nicht so gut gelaufen war, machte Pourie sich Gedanken über einen Wechsel. „Ich muss im Winter schauen, was für mich am besten ist“, sagte er im Oktober. Und das Beste sei für ihn der FC Kopenhagen, sagt er im Dezember. Ich bleibe definitiv hier. Ich bin mir sicher, dass ich mich im neuen Jahr durchsetzen werde.“ Den Grundstock dafür wolle er im Februar-Trainingslager in Portugal legen.

Weil 2013 kein Pflichtspiel mehr ansteht, fährt Marvin Pourie am Freitag zu seinem Patenkind nach Hamburg. Über Weihnachten ist er bei seiner Familie in Werne, bevor er mit seinem Freund Kai Wintjes (Fußball-Spieler des Werner SC) Silvester in London feiert. Dann wird er sich nicht ins Bett legen, wenn sein Kumpel rausgeht.